Reiseberichte
Sinai
Von Urs E. KneubühlUnser Abenteuer beginnt nicht erst hier, im Dorf Abu Zenima am Golf von Suez des Roten Meeres. Hinter uns liegen Monate der Vorbereitung mit dem Zusammenstellen der Ausrüstung, dem Studium von Kartenmaterial (soweit es solches überhaupt gibt) und dem theoretischen, da papierenen Entwurf unserer Abenteuerroute. Vor uns liegen - wenn alles problemlos verläuft zwei Wochen Fahrt durch die Wüste mit Sand und Hitze. Die Luft flimmert, der Schweiss rinnt, obwohl wir noch keinen Meter gefahren sind. Wir checken nochmals unsere Mountain Bikes, prüfen die Ausrüstung und werfen einen Blick auf unsere auf der Karte angenommenen Tour, die sich an eine historisch-klassische Route von Händlern und Pilgern anlehnt; zumindest soweit selbe überhaupt noch vorhanden und begehbar ist. Was uns erwartet, ist uns klar. Die Durchquerung des Süd-Sinais vom Golf von Suez zum Golf von Aqaba heisst Fahren auf mit Sand verwehten Pisten Klettern (wie Fahrradschieben) auf Trampelpfaden der Beduinen. Und noch vor der Abfahrt lässt man uns wissen, dass unser Vorhaben, per Bike den Süd-Sinai zu durchqueren, nicht machbar sei. Der gute Rat der Beduinen lautet daher: «Mietet Euch besser zwei Kamele und einen guten Führer.» Beduinen müssten es ja eigentlich wissen, ist für einen Moment unser Gedanke, aber wir schütteln diesen ab wie den Schweiss und jedwelche Bedenken. Wir vertrauen auf unser guten Material, auf unsere Verpflegung, die für zwei Wochen reicht, auf unsere Wasserreserve, die pro Mann 20 Liter beträgt und auf unsere antrainierte Kondition.
Nomaden sind es, die uns schon nach einer guten Stunde Fahrt auf der vorerst asphaltierten, lochrigen Strasse begegnen. Diese Piste hatte auch mal bessere Zeiten gesehen, damals, als darüber noch das in Bir Masib und Umm Bugma abgebaute Mangan zum Golf von Suez transportiert wurde. Ungläubig, mit aufgerissenen Augen und offenem Mund, bestaunen die Wüstenwanderer, die mit Kamelen unterwegs sind, unsere Lasteseln gleichenden Fahrräder. Wir werden mit Sicherheit auch bei weiteren Begegnungen mit den einfach lebenden Einheimischen Erstaunen auslösen, darauf haben wir uns eingestellt.
Türkisminen aus der Pharaonenzeit
Die Sonne klettert immer höher und die beinahe senkrecht abfallenden Felswände des Sinaigebirges bieten uns immer weniger Schatten. Die Landschaft ist, obwohl im Volksmund gemeinhin Einöde genannt, äusserst abwechslungsreich, ja spannend. Farben und Formen wechseln ständig; hin und wieder lagern Beduinen im Schatten ihrer bunten wie einfarbigen Zelten oder tummelt sich eine verseuchte Viehherde, deren Tiere am kargen Boden kümmerliche Pflänzchen abrupfen. Unser Mittagsziel, ein Pass in Richtung Serabit el Khadim ist in greifbare Nähe gerückt, die Sonne aber auch näher an ihren Zenit. Wir schaffen die Distanz noch bevor die Sonne den höchsten Punkt erreicht hat. Jetzt und hier machen wir erst einmal über die heissesten Stunden des Tages hinweg Pause, verpflegen uns und tanken im Schatten einer baufälligen Hütte neue Energie.
Unsere Gespräche drehen sich allesamt um Erlebtes und Gesehenes während der halbtägigen Anfahrt hierher. Die Wüste fasziniert uns, die erstaunlich reichhaltige Flora und Fauna im Sinai ebenso. Botaniker haben bis heute hier rund 1000 verschiedene Pflanzenarten registriert, von denen deren 2700 nur im Sinai, aber nicht im restlichen Ägypten und 39 gar sonst weltweit nirgends vorkommen.
Wir fahren weiter, unser nächstes Ziel, ein Beduinendorf am Fusse des Tempel Serabit el Khadim, wollen wir im Verlaufe des Nachmittages erreicht haben. Unsere Wassersäcke leeren sich zusehends, und alles, was wir an Tranksame zu uns nehmen, fliesst uns hinterher perlend als Schweiss über die Stirn und den Körper. Wir schaffen die Strecke rasch, erreichen unser Ziel etwas ausgedörrt und müde, aber sonst wohlauf. Aus der Horde Kinder, die uns bei unserer Ankunft schreiend umringt hat, will uns ein jeder zum Tempel hinauf führen. Der jüngste Guide, der sich uns anbietet, ist der siebenjährige Ahmed. Sheik Barakat, der Stammesführer der hier lebenden Beduinensippe, lädt uns vorerst zum Willkommenstee ein, eine Geste, die man nicht abschlagen kann. Er ist die Respektsperson hier, er zieht die Fäden und fällt alle Entscheide. So bestimmt er auch denjenigen, welcher schliesslich unser Führer wird, was alles akzeptieren.
Die Sonne neigt sich langsam dem Horizont zu, als wir aus dem Zelt des Sheiks schlüpfen. Die Luft hat schon merklich abgekühlt, da lässt es sich bequemer an den Aufstieg zum Tempel machen. Der Pfad führt durch ein sich in bizarresten Formen präsentierendes, ausgetrocknetes Bachbett. Uns begleiten links und rechts historische Felszeichnungen, die Geschichten über Türkis-Expeditionen aus pharaonischer Zeit erzählen. Neben Straussen, Gazellen und Leoparden allesamt Tiere, die im Sinai längst ausgestorben sind erkennt man zahlreiche Darstellungen von Booten, die einst die Meerenge vom Golf von Suez durchfuhren. Noch bevor wir den Tempel erreichen, kommen wir an den ersten Türkis-Minen vorbei. Die Stollen sehen aus, als hätten die pharaonischen Arbeiter erst gerade jetzt die Werkzeuge niedergelegt und ihr Tagwerk vollendet.
Hitze am Tag und Kälte bei Nacht
Die Minen liegen allerdings schon seit beinahe 2000 Jahren still. Aus dieser Zeit stammt auch der Tempel von Serabit el Khadim, dem wir nun erreichen. Damals bestand dieser lediglich aus zwei Verehrungsgrotten, von denen die eine der Göttin Hathor, die andere dem lokalen Sinai-Gott Sopdu geweiht waren. Jede nachkommende pharaonische Türkis-Expedition allerdings hat den Tempel um einen Raum erweitert, ausgebaut. Und wenn auch heute nurmehr die Grundmauern der grossen Tempelanlage vorzufinden sind, so zeugen diese doch von der einstigen Erhabenheit des Heiligtums.
Die eigentliche Faszination von Serabit el Khadim allerdings liegt in der traumhaften schönen Lage, hoch oben auf einem Plateau. Nach der Hektik in der ägyptischen Hauptstadt, die uns in der letzten Vorbereitungsphase geradezu verschluckt hatte, geniessen wir die Abgeschiedenheit hier besonders. Unser Schweigen wird hier zur doppelten Ruhe. Die hereinbrechende Nacht hüllt es ein in ihren Sternenmantel.
Die Nächte in der Wüste sind ein einzigartiges Erlebnis. Der klare Sternenhimmel, der sich über uns auftut, scheint zum Greifen nahe. Der Wind, welcher in den Steinen leicht säuselt und die ansonsten absolute Ruhe rundum verführen zum Träumen. Und wie uns die Hitze am Tage begleitet, ist uns bittere Kälte während der Nachtstunden treu. Unser erster Morgen in der Wüste. Den Abstieg ins Dorf nutzen wir, um unsere erkalteten Glieder wieder aufzuwärmen. Gut vorbereitet bestiegen wir unsere Bike wieder und machen uns auf den Weg zum Gebel Foga, dem Säulenwald. Jetzt beginnt unser Abenteuer erst richtig, die immer schlechter werdende Strasse versandet schliesslich, es tut sich eine steppenartige Gegend auf. Wild kreuzen sich hier, in der Einöde, auf gut vierzig Kilometern eine ganze Anzahl an Pisten; wir müssen uns an unser Kartenmaterial und den Kompass halten, um die richtige Spur halten zu können. Zuweilen ist der Sand knöcheltief, was uns zum Absteigen und zum Schieben zwingt. Die schattigen Plätzchen sind darüber hinaus mittlerweile nicht nurmehr rar geworden, sondern auf weiten Strecken überhaupt nirgends auszumachen. In der brütenden Hitze schieben wir unsere Bike mehr, als dass wir fahren könnten, und unsere Wasserschläuche werden auch bedenklich leicht. Immerhin trinken wir zurzeit gute zehn Liter Wasser; Durst ist unser ständiger Begleiter.
Der Säulenwald, unser Ziel, das wir am späten Nachmittag ziemlich erschöpft erreichen, bietet uns wieder Schutz vor der Hitze. Er ist eine spektakuläre Naturscheinung mit röhrenartigen Felsformationen, die teilweise noch bis zur Hüfte aus dem Sand aufragen. Eine ähnliche Steinformation kommt nur noch in Russland vor, und nach wie vor bleibt es ein ungeklärtes Geheimnis, weshalb sich ausgerechnet hier, inmitten der Wüste, solche Steinröhren bilden konnten.
Dornen als Reifenkiller
Während der nächsten drei Tagen geht die Fahrt weiter durch enge Wadis (Täler). Wir sind überrascht, wie schnell wir uns an die unterschiedlichsten Pisten und an die Trampelpfade gewöhnt haben und wie gut wir darauf vorwärts kommen. Auch die Hitze stecken wir mittlerweile problemlos weg, die geringe Luftfeuchtigkeit kommt uns dabei zugute. Wir sind akklimatisiert. Als Höhepunkte in diesen Tagen der Abgeschiedenheit, des Fernab der touristischen Zivilisation, sind die seltenen Begegnungen mit den freundlichen und hilfsbereiten Bewohner des Sinai. Die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit der Beduinen bewegt tief und prägt sich ein. Die Einladung zum Tee oder zum Essen ist hier nicht Selbstverständlichkeit, sondern geradezu ein angeborener, gewachsener und gehüteter Reflex. Wir gewöhnen uns diese schöne Sitte auch an, sind so einmal Gast und dann wieder Gastgeber. So teilen die Sesshaften wie die Ziehenden das wenige, das sie zum Leben haben, miteinander. Wir stellen dabei auch fest, dass das selbst das «Ende der Welt», die abgeschiedensten, ausgetrockneten Flusstäler von überraschend vielen Menschen bewohnt sind.
Die Wasserlöcher, auf die wir zurzeit so alle zwanzig Kilometer stossen, sind uns willkommen. Jetzt können wir unsere Wasserreserven kleiner halten, schleppen so nur gerade sechs oder sieben, statt zwanzig Kilogramm in unseren Wassersäcken mit. Das Wasser hier im Sinai-Gebirge ist sauber; wir trinken es bedenkenlos und es rächt sich nicht. Sorgen und Kummer bereiten uns lediglich die Dornen der ab und an anzutreffenden Akazien. Einem kurzen Halt im Schatten folgte dann meist eine längere, unfreiwillige Reparaturpause. Die Dornen der Bäume, die sich im Sand darunter verstecken, entpuppen sich als wahre Reifenkiller.
Die Halbzeit ist geschafft, wir haben das Sankt-Katharina-Kloster am Fusse des Berges Moses erreicht. Hier treffen wir, nach einer Woche Stille, Natur und spärlichen Begegnungen, wieder, als wäre es die sprichwörtliche Faust aufs Auge, auf den Tourismus pur. Wir nutzen die Gunst der Gegend und übernachten in einem kleinen, einfachen wie billigen Hotel.
Jean Verame war hier!
Heute geht es wieder einmal zu Fuss auf eine Tour. Unser Ziel, der höchste Berg Ägyptens, der 2637 Meter hohe Katharina-Berg, widersetzt sich erfolgreich jedem Bike.Nach viereinhalb Stunden Aufstieg werden wir mit einem grossartigen Panorama, einem Rundblick über die roten Sinaifelsen belohnt. In weiter Ferne können wir auch unseren Standort, den Golf von Suez, ausmachen. Die Nacht verbringen wir, eingeschläfert vom Plaudern am wärmenden Feuer und vom süssen ägyptischen Tee, den uns unser Führer Awad zubereitet hat.
Unser nächstes Ziel ist das nahe gelegene Hochplateau Hallawi mit seinen Blauen Bergen. Der Ort, welcher 1980 den belgischen Künstler Jean Verame dazu verleitete, einige Felsenhügel dieser Ebene rundum mit blauer Farbe zu bepinseln, lässt eine Bikefahrt wieder zu. «Peace of Junction» hat Verame sein Werk genannt und dafür volle zehn Tonnen Farbe verbraucht. Die Geister können sich ob Verames Werk schon scheiden, aber feststeht, dass von den blauen Farbtupfern inmitten der rotbraunen Umgebung eine faszinierende Stimmung ausgeht.
Nach der nächsten, harten Tagesetappe erreichen wir die Bilderbuch-Oase Ain Hudra. Inmitten der ausgebrannten Wüste und eingekesselt in die Felsmassen des Sinai-Gebirges, nimmt sie sich aus wie ein Juwel. Uns bietet sie Gelegenheit zum erfrischenden Bad an ihrer Quelle und Schutz vor der Hitze. Diese Erholung erweist sich später, bei der Weiterfahrt, als äusserst wichtig. Das Wadi Gazala nämlich empfängt uns mit tiefen Sandlöchern. Das Bike bald schiebend, dann tragend geht es nur langsam und beschwerlich vorwärts. Und als wir endlich unsere Bikes wieder besteigen können, lässt bei beiden je ein Reifen die Luft entweichen.
Die Nacht hüllt uns in Ungewissheit. Der Kilometerzähler am Bike hat seinen Dienst aufgegeben, wir haben keine Ahnung, wo wir zurzeit gerade sind und unsere Wasservorräte gehen zur Neige. Wir sitzen noch lange wach, reden und beruhigen uns gegenseitig. Aber schliesslich übermannt uns erquickender Schlaf, der uns erst am nächsten Morgen wieder entlässt. Endlich erreichen wir wieder etwas, das man in den Felsen und der Wüste unterwegs durchaus Strasse nennen könnte. Die unscheinbare Piste wird zu unserem Lebensfaden, an den wir uns nur allzugerne hängen, in der Hoffnung, die nächste Oase und damit das in der Zwischenzeit ganz versiegte Wasser erreichen zu können. Sie windet sich hinauf an der Seite des Tales und endlich eröffnet sie uns den Blick hinaus auf die Wüste, wo zu unseren Füssen ein paar Palmen Erfrischung signalisieren.
Dusche mitten in der Wüste
Ain Um Ahmed wir haben die Oase erreicht, die Beduinen, die sich dort tummeln, bewirten uns auch gleich mit Wasser und Tee. Und als uns der eine zu unserem grössten Erstaunen auch noch fragt, ob wir ein Duschbad nehmen wollen, schiessen unsere Lebensgeister geradezu wieder in uns hoch. Hinten, in der hintersten Ecke der Oase, plätschert dann auch tatsächlich aus einer ergiebigen Quelle ein kleines Bächlein über die Felsen und ist uns eine willkommene Dusche.
Unsere Reise geht dem Ende entgegen. Wir haben auf unserem Treck unglaublich viel Schönes und Überraschendes erlebt im grossen wie im kleinen. Die Dusche mitten in der Wüste, quasi, aber ist unbestritten einer der Höhepunkte. Ein feines Nachtessen in Gesellschaft der gesprächigen Beduinen setzt unsere Odyssee durch das Wadi Gazala und dem Tag ein würdiges wie schönes Ende. Es gibt Fladenbrot mit Foul, dem ägyptischen Nationalgericht, einer Art täglich Brot des kleinen, armen Mannes. Said, ein junger Beduine mit den erhabenen Zügen des grossen Ramses im Gesicht, begleitet die mit Händen und Füssen erzählten Abenteuergeschichten seiner Kumpanen mit melanchonischen Melodien auf der arabischen Laute. Was für ein Wiegenlied, hier, wo Zeit und Raum keine Bedeutung zu haben scheinen.
Nach zwei Tagen des Faulenzens machen wir uns auf die letzte Etappe. Sie führt durch das Wadi el Ain, das Quellental. Einem wundersamen kleinen Bächlein entlang führt unsere Fahrt, hinunter zum Golf von Aqaba. Gegen Abend erreichen wir das Rote Meer, wo wir uns in den nächsten Tagen beim Schnorcheln in den bildschönen Korallenriffen restlos von den Strapazen erholen.
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