Reiseberichte
MIT DEM MOUNTAINBIKE AUF ABENTEUERLICHEN PISTEN DURCH DIE SINAI WÜSTE
Vom Golf von Suez zum Golf von Akaba wer den Sinai mit dem Bike durchquert, muss nicht nur 350 Kilometer Durststrecke überwinden, sondern auch die Farben des Sandes lesen lernen. Norbert Hein hat den elftägigen Wüsten-Kurs durch Ägypten gemacht.
Reisebericht der Mountainbiketour durch die Sinai Wüste von Norbert Hein
Noch ein Windstoss, und ich mutiere zur menschlichen Sanddüne. Selbst durch die kleinsten Ritzen strahlt der Wüstensturm erbarmungslos feine Sandkörner in den Schlafsack. Im Zelt schlafen wäre eine Lösung aber auch die Weichei-Nummer und fast schon Frevel. Die Wüste und ihr bombastischer Sternenhimmel gebieten es förmlich, noch ein wenig die Milchstrasse zu bewundern. Hier am Roten Meer gleicht das Firmament einem achtspurigen Highway, vollgepackt mit Trucks, die gerade volle Lotte aufblenden. Endlich mal ein abendliches Glotzprogramm von philosophischem Niveau, ohne Aufpreis für Zusatzdecoder und hirnlose Sprüche aus dem Wohn-Container. Mit ein bisschen Fantasie knirscht sogar der Sand zwischen den Zähnen ähnlich wie Kartoffelchips. Ausserdem, was solls? Die gnadenlosen Rüttelpisten schütteln das bisschen Sand morgen ohnehin wieder aus dem Pelz.
Griffige Slickrocks, klebriger Asphalt und hinterhältige Sandpassagen sorgen dafür, dass auch die Pneus und Sitzmuskeln eine ordentliche Abreibung bekommen. Thomas Hächler, unser Guide, könnte man bereits als Mutanten bezeichnen. Wie ein Kamel liest er die tückischen Sandareale. Er und auch die anderen Wüstenfüchse, die schon eine Woche zuvor bei der Trans-Sinai-Trophy am Start waren, erkennen mittlerweile an der Farbe des Sandes den besten Kurs durch den losen Untergrund. Sandpfannen kann man beispielsweise mit viel Gefühl absurfen, bis die Reifen wieder in festem Boden greifen. Dem erfahrenen Dünenbiker bringt das jede Menge Spass, dem fluchenden Neuling ein paar saftige Schürfwunden mit Sandpflaster. Die Trophy-Finisher in unserer Gruppe sind eindeutig dem Lawrence-von-Arabien-Fieber erlegen. Süchtig nach Sand, Sonne und dieser einzigartigen stillen Einsamkeit, haben sie an das Rennen einfach noch eine Verlängerungswoche für unseren Trip drangehängt. Kein Wunder: Route, Organisation und vor allem die vielseitige Schönheit der Wüste lassen auch wirklich nichts zu wünschen übrig.
Mitten im Transalp-Zeitalter toppen die Schweizer Brüder Andreas und Christoph Schnelli von Bike Adventure Tours jede noch so provokante Tourenidee, indem sie ihre Ideallinie mitten durch den Sinai ziehen. Wenn bei uns im Spätherbst die grosse Wetterdepression einsetzt, kann man auf dem 350 Kilometer langen Wüstenritt zwischen dem Golf von Suez und dem Golf von Akaba Geist und Fahrkönnen erweitern. Und das Beste daran: Der Sinai, diese dreieckige Landmasse, das Bindeglied zwischen dem afrikanischen und asiatischen Kontinent, ist keine fünf Flugstunden entfernt! Man braucht keine kreislaufschwächenden Impfungen und auch keinen logistischen Wahnsinnsapparat, um an diesem Bike-Abenteuer im Expeditionsstil teilzunehmen. Die Beduinen der Begleitmannschaft kennen ihr unwirtliches Territorium ebenso gut wie jede Schraube ihrer Toyota-Landcruiser. Falls es also an der Wade zwackt oder die körpereigene Betriebstemperatur sich der eines Schnellkochtopfes nähert: Ran an die allradbetriebenen Verpflegungsdepots!
Wer glaubt, die Wüste flimmert eintönig flach vor sich hin, der irrt gewaltig. Schon kurz nach dem Start am Golf von Suez bei Serabit el Khadim klettert die Piste hübsch bergan auf ein Hochplateau. Monotone Wüste wechselt fortan mit Bilderbuch-Oasen, monumentalen Canyons und unüberwindbar scheinenden Ferlsriegeln.
Kurz vor der Oase Ain Hudra gehts mit unseren Fortbewegungsmitteln beim besten Willen nicht mehr weiter. Selbst die Reifen der Jeeps wühlen erfolglos im tiefen Sand. Kuzerhand schnallen wir die Bikes auf die wahren Wüstenschiffe, die Kamele. Zwischen den Höckern dieser konditionsstarken Tiere erfahren wir ein völlig neues Gefühl der Fortbewegung: eine Mischung aus elender Schaukelei und holpriger Achterbahn. Wieder fest im Bike-Sattel, cruisen wir tagsüber durch gigantische Sandkästen, testen die Schwerkraft auf Schmirgelpapier-rauen Slickrocks, wo der Reifengummi wie Klettverschluss haftet, und schwirren im Formationsflug über die wenigen Asphaltpassagen. Abends schlemmen wir bei Scheichs oder brutzeln am Lagerfeuer Wiener Würstchen und träumen nachts immer intensiver vom kühlen Sprung ins Rote Meer. Schon bescheuert da fliegt man in dieses von herrlichen Sandstränden und farbenprächtigen Tauchgründen umrahmte Land und beschliesst, genau dazwischen elf Tage durch die karge Wüste zu radeln!? Tja, Bewusstseinserweiterung hat nun mal nicht unbedingt etwas mit Bequemlichkeit zu tun. Und Abhängen können wir auch zu Hause am Baggersee.
Den topographischen und kulturellen Höhepunkt markiert der 2285 Meter hohe Mosesberg. Eine schwammige Kamelpiste führt bis zu einer Oase, knapp unterhalb des wuchtigen Gipfelaufbaus. Dort campieren wir zu Füssen einer riesigen Zypresse, die bereits vor Christi Geburt hier oben stand. Mit den ersten Sonnenstrahlen steigen wir zum Gipfel auf. Hier geht es zu wie auf dem Münchner Oktoberfest. Touristen werden in ganzen Buskolonnen angekarrt und den reichlich beschwerlichen Steig hinauf gescheucht. Japaner löffeln ihre Einwegsuppen und folgen brav dem knallroten Regenschirm ihres Reiseführers. Italiener polieren den Staub von ihren Schuhen, und die Deutschen meckern über die unverschämten Preise der Beduinen, die hier oben bei Eiseskälte Minzetee und Kekse verhökern. Kaum ist die Sonne an den endlosen Dünen, sanften Hügelketten und schroffen Felswänden empor geklettert, hektiken alle Besucher wieder hinunter. Dann kehrt die andächtige Stille wieder, die dieser geschichtsträchtige Ort eigentlich benötigt. Der Rundumblick in hinreissend herrliche Landschaften entschädigt für das unwürdige Gerangel auf dem Berg der Zehn Gebote. Schliesslich ist genau dieser Landstrich von höchster Bedeutung für die drei grossen Verkündungsreligionen Judentum, Christentum und Islam.
Aber auch für sonnenhungrige Mountainbiker wird der Sinai in Zukunft eine der allerfeinsten Pilgerstätten sein.
bike adventure tours führt auf der beschriebene Route jeweils im Frühjahr, Herbst und im Winter geführte einwöchige Mountainbiketouren in Kleingruppen durch. Infos zum weltweiten Mountainbikereisen-Angebot bei:
bike adventure tours
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